Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Petrus Kanisius – 92 Betrachtungen und Vater-unser-Meditation
  
Quelle Nr. 275

  

  
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Zeit: 1585
  
Herkunft: (Titel siehe unten) Pergamentdruck, 268 Seiten, Stiftsbibliothek Einsiedeln – Papierexemplar, Universitätsbibliothek Freiburg
  
Kommentar: Der am 8. Mai 1521 in Nimegen in einer niederländischen Patrizierfamilie Kanijs geborene Petrus Kanisius (Petrus Canisius) trat 1543 in den Jesuitenorden ein. Im Auftrag des Kardinals Otto Truchsess von Waldburg, Bischof in Augsburg (dieser Kardinal war auch in die Abklärungsbemühungen bezüglich des Meditationstuches von Bruder Klaus involviert – siehe: Quelle 247) nahm er als Fachtheologe am Konzil von Trient teil. Wohlbekannt war demzurfolge lange Zeit sein Katechismus, in dem die neuen dogmatischen Formulierungen enthalten sind. Bis 1577 war Kanisius Hofprediger in Innsbruck. Seine letzten Jahre verbrachte der Jesuit Petrus Kanisius in Freiburg, wo er am 21. Dezember 1597 starb. 1864 wird er selig und 1925 heiliggespochen und gleichzeitig zum Kirchenlehrer erhoben.
     Während der Freiburger Zeit traf er auch auf einflussreiche Menschen, die Bruder Klaus hoch in Ehren hielten, nicht zuletzt auch im Andenken an den denkwürdigen Tag, den 21. Dezember 1481 – Stanser Verkommnis – an dem die Stadt Freiburg unter Mithilfe von Bruder Klaus zu einem Mitglied des Bundes der Eidgenossen wurde. – Einer dieser Verehrer des Eremiten im Ranft war auch der Kriegsmann und Schultheiss von Freiburg, Johann Heid von Lanthen (Vonlanthen). Dieser bekam einst vom Nidwaldner Landammann, Oberst und Ritter Melchior Lussy ein Gebetbüchlein, mit Betrachtungen und Gebeten und schrieb es ab. Schliesslich konnte Petrus Kanisius dazu gewonnen werden, das Büchlein zu prüfen und zu überarbeiten, damit es der in der Stadt tätige Drucker Abraham Gemperlin neu herausgeben konnte.
     Von Melchior Lussy und Johann Vonlanthen ging stets die Meinung aus, es handle sich beim Exemplar Lussys um das Original, das Bruder Klaus einst besass. Petrus Kaniusius ist jedoch zurückhaltender, er schreibt von «solchen» Betrachtungen und von «solchen» Gebeten. Sicher dürfte sein, dass die Betrachtungen zu einem, wenn vielleicht auch nur geringen Teil, auf Bruder Klaus zurückgehen, dass diese nämlich im Laufe der Zeit mehrmals verändert, vereinfacht und auch wieder ergänzt wurden.
     Die 92 Betrachtungen sind auch bekannt unter der Bezeichnung «Das grosse Gebet», wovon es sehr viele Handschriften gegeben hatte. Eine davon ist die Fassung von 1517 im Frauenkloster Hermetschwil bei Bremgarten, Aargau (abgedruckt in: Geschichtsfreunde XXII, 117ff. – Weiteres siehe bei R. Durrer, Quellenwerk, 813–815 u. 819 Anm. 24 – wurde übrigens nicht mit Bruder Klaus in Verbindung gebracht). Hier sind es sogar 130 Betrachtungen. – Die Quelle dürfte jedoch zeitlich weiter zurückliegen und im ehemaligen Frauenkloster in Engelberg gewesen sein. Den urkundlichen Beweis finden wir im Luzerner Umgeldbuch von 1436: «Item den frowen gen Engelberg vom grossen gebett, also daran gebrast vj1/2 lib. Xij ß, iiij d.» Das «grosse Gebet» ist also lange vor der Zeit, als Bruder Klaus Eremit im Ranft war (1467–1487), entstanden. Die neue Version von Lussy-Vonlanthen-Kanisius enthielt in einzelnen Zügen bereits den Geist und den Buchstaben des Konzils von Trient.
     Was hat nun Bruder Klaus betrachtet? Der Einsiedler verteilte di. Betrachtung:
des Leidens Jesu auf den ganzen Tag. Die 15 Passionsbetrachtungen (Quelle 055) dürften mit Sicherheit durch die strenge thematische Einschränkung weitaus mehr der Gebetspraxis und der Spiritaulität des Eremiten entsprochen haben.
     Ähnlich dürfte es sich mit der Vater-unser-Betrachtung verhalten haben. Zudem muss man sich bewusst sein, dass Bruder Klaus weder lesen noch schreiben konnte. Wenn es also ein Gebetsbüchlein «von» Bruder Klaus gegeben hatte, dann konnte es nur von Bruder Ulrich oder einem der ersten Ranftkapläne gebraucht worden sein. – Die Reimsprüche, welche Kanisius neu ordnen will, sind bereits 1521 bei Sebastian Rhaetus (er war Ranftkaplan – Quelle 221) veröffentlicht worden, dann 1571 von Ulrich Witwyler (Quelle 262) übernommen und nur leicht verändert wiedergegeben worden. Das Bruder-Klausen-Gebet (Quelle 067) und der Wahlspruch (Quelle 217) liegen ebenfalls in älteren Fassungen vor.
     Gegen Ende seines Werkes gibt Kanisius eine Abhandlung mit biographischen Erklärungen. Der zeitliche Abstand lässt ihm dies jedoch nicht so gut gelingen, so dauerte nun etwa das Einsiedlerleben bereits 30 Jahre. Ein weiterer Irrtum ist auch die Rede davon: Bruder Klaus habe den Ehestand verlassen. Dies wäre völlig unmöglich und undenkbar gewesen, denn die Ehe war in der katholischen Kirche zu jeder Zeit unauflöslich. Solche missverständliche Deutungen, wie sie Kanisius darlegt, dienen keineswegs nur der Klärung, sie können dem Ruf des Einsiedlers bisweilen auch schaden.
  
Referenz: Robert Durrer, Bruder Klaus-Quellenwerk, 813–847

  

   Zwei und neunzig Betrachtungen und Gebet des gottseligen, sehr andächtigen Einsiedlers Bruder Klaus von Unterwalden
  
Samt seinen Lehrsprüchen [Reimsprüchen – siehe: Quelle 221, Sebastian Rhaetus] und Weissagungen, von seinem Tun und Wesen, wie es nie zuvor gedruckt wurde. Durch den erhwürdigen und hochgelehrten Herrn Dr. Petrus Kanisius, Theologe von der Gesellschaft Jesu, von neuem korrigiert und verbessert. – M.D.LXXXV [1585].
   
[Vorwort und Widmung an Johann von Landten, genannt Heydt, Ritter etc. (auf der Rückseite sein Wappen). durch den Buchdrucker Abraham Gemperlin] Dem hochgeachteten, gestrengen [grossen], edlen etc. Herren, Herrn Hans von Landten, genannt Heydt, Ritter und Schultheiss von Freiburg im Üchtland, meinem gnädigen Herren.
     
[...] Wenn dann E[ure] St[rende, grosse] W[eisheit] neben anderen namhaften Taten, in schweren Kriegen Frankreichs, in denen ihr jetzt schon das vierte Mal als oberster Regimentsherr Dienst leistetet und auch gegenüber Gott eine solche Andacht erzeigen wolltet, dass ihr dieses gegenwärtige Gebetbüchlein, welches der gottselige, teure Mann Gottes, Bruder Klaus von der Flüe genannt, in Unterwalden, für sich und für andere Freunde Gottes aufschrieb [bzw. aufschreiben liess – Bruder Klaus konnte selber nicht schreiben] nicht nur bei euch getragen, sondern auch mit eigener Hand abgeschrieben habt. Hernach habt ihr es dem hochgelehrten Theologen und ehrwürdigen Herrn Petrus Kansisius in einer rechten und gründlichen Form übergeben, dienlich zum Gebet und zur Betrachtung, vor allem, weil das Exemplar von Bruder Klaus bisher verborgen geblieben und nur wenigen Personen bekannt gewesen ist. Dieses war alt [abgegriffen] und an einzelnen Stellen mangelhaft [beschädigt] und deswegen fast unverständlich. Der gedachte Herr Kanisius hat in besonderer Liebe diese [Betrachtungen und Lehrsprüche, Reimsprüche] etwas weitläufiger ausgeführt und erklärt, ferner eine Erinnerung hinzu gesetzt, was von diesem lieben frommen Mann in rechter Weise zu halten sei, desgleichen von St. Beat und St. Meinrad, die auch in dieser Landschaft gelebt haben. Als es mir dann zum Drucken übergeben wurde, habe ich es in der Bereitschaft, eurer E. St. W. [eurer gestrengen Weisheit] gehorsam zu dienen, in schuldiger Pflicht gewidmet und zugesandt, in bester Hoffnung, nicht nur Eure Gnaden sondern auch dem strengen, edlen Herrn Melchior Lussy, Ritter vom heiligen Grab, Landammann in Unterwalden, und dem edlen Herrn Melchior von der Flüe, hiermit einen guten Gefallen zu tun, weil einer von diesen [Melchior Lussy] Eurer Gnaden diese Gebete und Betrachtungen zu Handen verschafft hat und der andere eben von dem lieben Geschlecht ist, in dem der fromme jetzt genannte Bruder Klaus geboren war. Mit der Bitte an E. St. W. gelangend: Wollt ihr nicht so sehr auf die Grösse des Büchleins achten, als vielmehr auf seinen lieben Autoren und die neue, besser zu lesende Form sehen und es auf diese Weise angenehm sein lassen [...] Gegeben, Freiburg in der Eidgenossenschaft, 24. Oktober, im Jahre 1586.
E. St. W. Abraham Gemperlin, dienstwilliger Buchdrucker  
  
Vorrede [von Petrus Kanisius] an den christlichen Leser
Es sind jetzt bereits schon fast 100 Jahre, dass Bruder Klaus von Unterwalden, wie man ihn allgemein nennt, aus diesem Jammertal durch den zeitlichen Tod, ohne Zweifel, zum ewigen Leben selig gefahren ist. Von diesem teuren Mann Gottes sollen viele und grosse Dinge gezeigt werden. [...] So ist auch die wahrhafte und gewisse Erzählung über diesen heiligen gedruckt worden [das Werk von Ulrich Witwyler 1575 – Quelle 262], worin sein Glaube, sein Leben, sein Tun und Lassen, sein Tod, sein Begräbnis und die Wunderzeichen genügend und weitläufig beschrieben werden. Wahrlich ein solcher gnaden- und tugendreicher Einsiedler ist in diesen und in den umliegenden Ländern seit vielen hundert Jahren nie gesehen und vorgefunden worden, einer der vor Gott und der Welt seiner hohen Berufung besser und vollkommener nachgekommen wäre. Zu seiner Zeit ist er als edler, leuchtender Stern aufgegangen, der so herrlich und weit in diesem Land um sich herum geleuchtet hat, so dass manche deswegen Gott den Herrn fröhlich loben und preisen sollen.
  
Nun muss man jedoch wissen, dass dieser genannte und andächtige Diener Gottes auch die folgenden Betrachtungen samt den eingehängten unterschiedlichen Gebeten, während seines Lebens entstanden und schriftlich hinterlassen, ja auch ohne allen Zweifel mit grosser Andacht und Frucht, bei Tag und bei Nacht oft gebraucht. So ist es auch nachweislich und gewiss, Gott der allmächtige hat ihm eine besondere Begierde dazu gegeben, dass ein solches Gebet in eine bessere Ordnung gestellt und unter den frommen Christen weiter ausbreitet wird. Denn er verstand es gut, dass nicht wenig daran liegen kann, dass jedermann eine kurze und christliche Form und Weise hat, um das allerheiligste und heilsamste Leben und Leiden Christi Jesu, unseres lieben Herrn und Heilandes, ordentlich zu beherzigen und dabei Gott, dem himmlischen Vater, zu danken, auch um feinsinnig und oft zu beten. Welche schöne und gottselige Betrachtungen könnten uns angenehmer sein, aber nicht nur weil sie von einem so geistreichen und wohlerfahrenen Freund Gottes zuerst gegeben und gemacht worden sind, sondern auch weil sie den wahren christlichen Glauben in seinen vornehmsten Punkten in Kürze begreiflich macht, auch die Hauptstücke von unserer Erlösung und der des ganzen menschlichen Geschlechts uns vorstellt, um sie nützlich zu beherzigen, daneben sollen sie auch einem jeden viele andere Stücke aufzeigen, um das menschliche Wesen zu bedenken. Dazu hat man am Ende dieses Büchleins nicht nutzlos hinzugesetzt, des gleichen Autoren schöne und christliche Ermahnungen, getreue und väterliche Warnungen, heilsame Sprüche und Lehren, die mancher von ihm, als er noch lebte, mündlich empfangen hatte. Der ewige, allmächtige Gott gebe seine Gnade dazu, dass diese Betrachtungen und Gebete jetzt und zum ersten Mal gedruckt werden, im Geiste und in der Andacht von Bruder Klaus von manchen aufgenommen, oft gelesen und nutzbringend gebraucht wird, besonders im Advent, an den Feiertagen und in der Fastenzeit. Amen.
  
92 Betrachtungen und Gebete des gottseligen, sehr andächtigen Einsiedlers Bruder Klaus von Unterwalden zu einem nutzbringenden Gebrauch.
  
1. Betrachtung:
Im Namen unseres Herrn Jesus beginne ich und bete 3 Vater unser, der allerhöchsten Dreifaltigkeit, Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem heiligen Geist zu Ehre und Lob. Von diesem einigen Gott in drei Personen wurden Adam und Eva, unsere ersten Eltern edel erschaffen und haben im Paradies das erste Gebot empfangen. Sprich 3 Pater noster [Vater unser] kniend.
  
2. Betrachtung:
Wegen des elenden ersten Falles, als Adam und Eva durch Übertretung des göttlichen Gebotes sich selbst und das ganze menschliche Geschlecht dem ewigen Tod unterworfen haben – Gott vergebe uns auch allen Ungehorsam, wenn wir seine Gebote übertreten haben –, sprich kniend 3 Vater unser.
  
3. Betrachtung:
Um der göttlichen Strafe willen, die über Adam und Eva kam, als sie nach der Sünde aus durch den Engel aus dem Paradies in dieses Elend vertrieben und verstossen wurden, sprich 3 Vater unser.
  
4. Betrachtung:
Nach dem gerechten Urteil Gottes hat kein Kind Adams viele tausend Jahre lang nicht in den Himmel hinaufgehen können. Sprich kniend 5 Vater unser.
  
5. Betrachtung:
Die allerheiligste Dreifaltigkeit wünschte in seinem geheimen Rat, uns arme Sünder zu erlösen und das ganze verdorbene menschliche Geschlecht zu befreien, obschon keiner auf Erden der göttlichen Gerechtigkeit begegnen und Wiedergutmachung leisten konnte. Sprich kniend 3 Vater unser.
  
6. Betrachtung:
Wegen der grossen Liebe des himmlischen Vaters, der zur Erlösung von uns armen Sündern seinen eingeborenen Sohn vom Himmel in dieses Elend senden wollte, sprich kniend 3 Vater unser.
  
7. Betrachtung:
Wegen der fröhlichen Botschaft, die der Engel Gabriel der hochwürdigen Jungfrau Maria verkündete, dass Gottes Sohn, das ewige Wort, jetzt aus ihr Fleisch annehmen und Mensch wird, sprich 3 Vater unser.
  
8. Betrachtung:
In dieser seligen Stunde empfing die allerreinste Jungfrau Maria in ihrem keuschen Leib den Sohn des Allerhöchsten. Und Gott wurde Mensch. Sprich 3 Ave Maria.
  
9. Betrachtung:
Wegen der wunderbaren Gnade, dass der ewige, unbegreifliche Gott sich empfänglich machte und leibhaftig in einer menschlichen Kreatur wohnen wollte, sprich 1 Vater unser.
  
10. Betrachtung:
Wegen der tiefen Demut Christi, des Herrn, der sich in dem jungfräulichen Leib hat tragen lassen, auch weil die schwangere Jungfrau ein solches Kind demütig neun Monate getragen hat, sprich 3 Ave Maria.
  
11. Betrachtung:
Um der freudenreichsten und seligsten Geburt Christi willen, als das liebe Christkind in der Mitte der Nacht so arm geboren wurde und dabei das helle Licht in der Finsternis dieser Welt anfing zu scheinen, sprich kniend 3 Vater unser.
  
12. Betrachtung:
Unser Liebe Frau, die allerwürdigste Kindbetterin, war in wunderlicher Verzückung und hatte grosse Freude, als sie das liebste Kindlein als erste mit ihren Augen anschaute und mit gebeugten Knieen anbetete. Sprich 7 Ave Maria.
  
13. Betrachtung:
Wegen der heiligen und schmerzlichsten Beschneidung, welche Christus, unser Herr, am achten Tag nach jüdischem Brauch angenommen und dabei auch zu unserem Heil zum ersten Mal sein heiliges Blut vergoss, sprich 3 Vater unser.
  
14. Betrachtung:
Weil Maria, die würdige Mutter, bei der Beschneidung ihres Christkindleins sich demütigte und herzliches Mitleiden empfunden hat, sprich 1 Vater unser und 1 Ave Maria.
  
15. Betrachtung:
Die heiligen drei Könige suchten unter der Leitung des neuen Sterns das Christkind. Sprich stehend 3 Vater unser.
  
16. Betrachtung:
Wegen der grossen Freude der genannten drei Könige, als sie ihren und unseren Herrn in Bethlehem fanden und mit ihren Opfergaben ehrten, sprich 3 Vater unser.
  
17. Betrachtung:
Diese heiligen Könige wurden durch Gottes Engel ermahnt, von Bethlehem aus nicht zum bösen König Herodes, sondern auf einem anderen Weg in ihr Land zurückzukehren. Sprich stehend 3 Vater unser.
  
18. Betrachtung:
Am Lichtmesstag [2. Februar] geschah die Opferung des Herrn im Tempel, wo ihn der alte fromme Simeon fröhlich empfing und seinen Armen trug mit den Worten: O Herr, nun lässt du deinen Diener nach deinem Wort in Frieden scheiden, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor dem Angesicht der Völker. Sprich 3 Vater unser knieend.
  
19. Betrachtung:
Wegen der Schmerzen und Schrecken der würdigen Mutter Gottes, die sie im Tempel empfunden hatte, wegen des zukünftigen schweren Leidens ihres und unseren Herrn und das ihr zartes Herz durchdringen wird, nach der traurigen Weissagung Simeons, sprich 7 Ave Maria.
  
20. Betrachtung:
Der Tyrann König Herodes liess die unschuldigen Kinder jammervoll umbringen und wollte auch Christus töten, weswegen Maria und Josef, die seligsten Eheleute, samt dem Christkindlein in das Land Ägypten flohen, wo alle abgöttischen [heidnischen] Bilder herunter fielen. Sprich stehend 3 Vater unser.
  
21. Betrachtung:
Wegen des sehr armen, trübseligen Wesens, das Unsere Liebe Frau mit ihrem Kind im ägyptischen Land, ihrem Elend [Ausland], mitten unter den fremden, gottlosen Heiden, viele Jahre lang gelitten hat, sprich kniend 3 Vater unser.
  
22. Betrachtung:
Weil die Mutter Gottes ihren lieben zwölfjährigen Sohn drei Tage und drei Nächte verloren und dann wiederum mit Freuden im Tempel, mitten unter den jüdischen Lehrern sitzend fand. Sprich 3 Vater unser und Ave Maria.
  
23. Betrachtung:
Wegen all der freundlichen und süssen Worte und Werke, die unser lieber Herr zu seiner auserwählten Mutter auf Erden je gesprochen oder über sie gesagt hat, ja auch in der Ewigkeit tun wird, sprich 3 Vater unser.
  
24. Betrachtung:
Christus, unser Herr, kam im Alter von 30 Jahren zu St. Johann und empfing von ihm demütig die Taufe im Jordan. Sprich 3 Vater unser.
  
25. Betrachtung:
Der getaufte Herr ging alsbald in die Wüste fastete dort 40 Tage lang aufs strengste. Sprich stehend 4 Vater unser.
  
26. Betrachung Weil der unschuldige Herr vom bösen, arglistigen Geist dreimal hart versucht wurde, ihn aber allezeit überwand, sprich kniend 3 Vater unser.
  
27. Betrachtung:
Wegen der Berufung der heiligen 12 Apostel, die Christus nach vollendetem Kampf in der Wüste erwählte und mit ihnen lieblich wandelte und sie zur Gottseligkeit hin treu unterwies, sprich 3 Vater unser.
  
28. Betrachtung:
Wegen all der grossen Wunderwerke, die der Herr auf Erden tat, bis er den verstorbenen Lazarus aus dem Grab wiederum mit seinem Wort zum Leben erweckte, sprich 2 Vater unser.
  
29. Betrachtung:
Am heiligen Palmtag [Palmsonntag] ritt der sanftmütige Herr auf einer Eselin nach Jerusalem und weinte über die Stadt, als er an die schweren, verderblichen Strafen dachte, die noch über das ganze Land der Juden ergehen wird, auch weil sie [bzw. die Priester im Tempel] sich bald an ihrem Messias um so mehr und schändlicher versündigen werden, je herrlicher sie ihn jetzt empfingen. Sprich stehend 3 Vater unser.
  
30. Betrachtung:
Am Mittwoch nach dem Palmtag wurde der gütige Herr in seiner edlen Menschheit durch den falschen Jünger Judas schändlich verraten und so billig um 30 Pfennig den Juden [bzw. den Priestern im Tempel] verkauft. Sprich kniend 3 Vater unser.
  
31. Betrachtung:
Am grossen oder grünen Donnerstag sass unser Herr mit seinen lieben zwölf Jüngern zu Tisch beim letzten Abendmahl und ass nach jüdischem Brauch das Osterlamm [Pessach, gemäss Ex 12]. Sprich sitzend 3 Vater unser.
  
32. Betrachtung:
Wegen der grossen Demut Christi, als er all seinen Jüngern die Füsse persönlich wusch und trocknete, auch die des Judas, sprich 3 Vater unser.
  
33. Betrachtung:
Wegen des hochwürdigen Sakraments des Fronleichnams, welches Christus dort einsetzte, als St. Johannes an der Brust des Herrn ruhte und die göttliche Weisheit empfing, sprich 3 Vater unser kniend.
  
34. Betrachtung:
Christus reichte im hochheiligen Sakrament unter den Gestalten von Brot und Wein sowohl sein rosenfarbenes Blut als auch sein wahres, kostbares Fleisch seinen Jüngern, welches sie [nachher] samt allen Priestern auf dem Altar konsekrieren [heiligen, verwandeln], opfern und annehmen sollen, zum ewigen Andenken an sein bitteres Leiden und Sterben. Gott vergebe uns gnädig, wenn wir uns an diesem herrlichsten Sakrament und an der ehrwürdigen Priesterschaft, die von Christus eingesetzt wurde, uns je versündigt haben. Sprich kniend 3 Vater unser.
  
35. Betrachtung:
Weil der treue Herr Jesus nach seinem letzten Abendmahl seinen geliebten Jüngern einen schönen, lieblichen und tröstlichen Zuspruch gab, sprich 3 Vater unser.
  
36. Betrachtung:
Unser Herr ging mit seinen elf Jüngern aus der Stadt hinaus auf den Ölberg, um dort im Garten vor seinem Leiden sein Gebet zu verrichten. Sprich 3 Vater unser stehend.
  
37. Betrachtung:
Christus sprach in seiner grossen und schweren Betrübnis die Worte: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Danach bat er seinen Vater: Mein Vater, ist es möglich ist, dass dieser Kelch an mir vorbeigehe? Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. Sprich 3 Vater unser stehend.
  
38. Betrachtung:
Der Herr warnte mehrmals seine Jünger und sprach: Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt! Und ebenso: Was schlaft ihr? Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Wacht und betet! Sprich 3 Vater unser.
  
39. Betrachtung:
Ein Engel erschien unserem betrübten Herrn vom Himmel her und stärkte ihn für die bevorstehenden grossen, bitteren Marter. Sprich 2 Vater unser.
  
40. Betrachtung:
Der zarte Herr rang in de. Betrachtung:
des folgenden Leidens mit dem Tod und schwitzte in grosser Angst Blutstropfen, die von seinem Leib auf die Erde hernieder flossen. Sprich 3 Vater unser.
  
41. Betrachtung:
Der Herr Jesus trat mit den elf Aposteln seinen Todfeinden unter die Augen und fragte sie: Wen sucht ihr? Und als sie antworteten: Wir suchen Jesus von Nazareth, sagte er weiter: Ich habe es euch gesagt, dass ich es bin. Da wichen sie zurück und fielen dreimal zur Erde nieder. Sie konnten den Jüngern nichts antun, diese kamen unverletzt davon. Sprich 3 Vater unser kniend.
  
42. Betrachtung:
Der demütige Jesus empfing den verräterischen Kuss vom Jünger Judas, so wurde er den blutgierigen Feinden in den Tod übergeben. Sprich 3 Vater unser stehend.
  
43. Betrachtung:
Wegen der Gefangennahme unseres Herrn Jesus, als er von den losgelassenen Rotten unentrinnbar ergriffen wurde – dafür sollen wir armen Sünder alle ihn anrufen, die wir in Sünde und Bekümmernis um unsere Anliegen gefangen liegen –, sprich 3 Vater unser.
  
44. Betrachtung:
Als Petrus dem Knecht des obersten Priester [Hohenpriesters] das Ohr abschlug wurde er von Christus sogleich bestraft: Stecke dein Schwert an seinen Ort, dies sagte er zu ihm, denn wer das Schwert nimmt (verstehe: ungehorsam, ohne Befehl), der soll durch das Schwert umkommen. Sprich stehend 3 Vater unser.
  
45. Betrachtung:
Auch wegen der Schmerzen Unserer Lieben Frau, als sie zuerst die traurige Botschaft vernahm, ihr liebster Sohn sei von den Feinden in der Nacht gefangen worden. Sprich 7 Ave Maria.
  
46. Betrachtung:
Der gefangene Herr Jesus wird von all seinen Jüngern und Freunden verlassen und muss allein dem Willen und der Gewalt der grimmigen Feinden ausgeliefert bleiben. Sprich 3 Vater unser.
  
47. Betrachtung:
Der gütige Herr wurde von den bösen Dienern nach seiner Gefangennahme übel geplagt, als sie ihn niederwarfen, mit eisernen Ketten hart banden, frech durch den Bach Kedron führten und wie einen Mörder ungestüm bis zum Haus von Hannas schleiften. Er wurde heimlich und offen von den Juden [bzw. den Priestern und Mitgliedern des Hohen Rates] mit Schmach empfangen.
  
48. Betrachtung:
Weil die lautere und zarte Menschheit Christi je länger je mehr in der Marter gelitten hat, besonders auch als St. Peter ihn, seinen Meister, mehrmals verleugnete und den er trotzdem so gnädig ansah, sprich 2 Vater unser.
  
49. Betrachtung:
Der sanftmütige Herr Jesus wurde zu den gottlosen Richtern hin- und zurückgeführt, fünfmal wurde er vor ihre Gerichte gestellt, während er wie ein Übeltäter seine würdigenHände auf dem Rücken gebunden hatte, bis er schliesslich zum Tod verurteilt wurde. Sprich 5 Vater unser.
  
50. Betrachtung:
Wegen der grossen, wunderbaren und beständigen Geduld unseres Herrn Jesus in all seinem Leiden, als er mehrmals umher geführt wurde und ihm die Augen bedeckt waren, sprich 4 Vater unser.
  
51. Betrachtung:
Vor der Säule, vor der Geisselung musste unser Herr sein Gewand ausziehen, er musste auch in der Gegenwart des heidnischen Richters und der gottlosen Feinde bloss dastehen, nackt und beschämend. Sprich 3 Vater unser.
  
52. Betrachtung:
Dann wurde er an der Säule festgebunden, und nahm dort viele harte und schmerzhafte Schläge für uns geduldig an. Sprich 5 Vater unser.
  
53. Betrachtung:
Wegen all den Wunden und dem Blutvergiessen, die dem unschuldigen Herrn an der Säule widerfahren sind, indem so viele Schläger deswegen müde geworden sind, als sie alle mit Ruten an seinem Leibe vorne und hinten, von oben und unten, nichts mehr heil liessen, sprich 3 Vater unser.
  
54. Betrachtung:
Der süsse Herr Jesus empfand einen grossen Schmerz, als er von der Säule losgebunden wurde. Er war so kraftlos, dass er schier niedergefallen wäre in das Blut, welches aus seinem heiligen Leichnam reichlich floss. Sprich 3 Vater unser.
  
55. Betrachtung:
Nachdem unser Herr seine Kleider nach der Geisselung wieder anzog und die bösen Söldner des Pilatus ihn im Richthaus abermals auszogen und ihm einen roten Mantel anlegten, dazu ein Rohr wie ein Zepter in seine rechte Hand gaben und die Knie vor ihm beugten, sprachen sie: Sei gegrüsst du König der Juden. Sie schlugen auch in sein heiliges Angesicht, spien ihn an, nahmen das Rohr und schlugen ihm damit auf sein Haupt und verspotteten ihn schliesslich jämmerlich und schändlich. Sprich kniend 3 Vater unser.
  
56. Betrachtung:
Die Söldner des Pilatus flochten eine Krone aus spitzen Dornen, setzen sie Jesus auf das Haupt und drückten sie mit Gewalt hinein, so dass sein teures Blut vom Haupt über sein heiliges Angesicht hinab rann. Sprich 3 Vater unser.
  
57. Betrachtung:
Wegen des heiligen schweren Herren–Kreuzes, welches unserem Herrn auf seinen verwundeten Rücken gelegt wurde, das er bis zum Kalvarienberg trug, mitten durch die Stadt, unter welchem er in grosser Erschöpfung mehrmals niedersank, weil die Sünden und die Laster von uns allen, ja zugleich der Lebendigen und Verstorbenen ihn so sehr belasteten und niederdrückten, sprich kniend 4 Vater unser und ebensoviele stehend.
  
58. Betrachtung:
Mit welch unaussprechlichem Herzensleid und Schmerz folgte Unsere Liebe Frau ihrem geliebten Sohn in der Zeit seines Leidens nach! Christus wiederum hatte grosses Mitleid mit seiner liebsten Mutter und schaute sie ohne Zweifel manchmal an, ebenso den Petrus. Sprich stehend 6 Ave Maria.
  
59. Betrachtung:
O dieser arme, verlassene Jesus in seinem Elend, als die grausamen Kriegsknechte ihm auf dem Kalvarienberg die Kleider wegrissen und er vor aller Welt da stand oder sass, nackt und bloss, bis ihm das Kreuz bereitet wurde! Sprich kniend 3 Vater unser.
  
60. Betrachtung:
Wie geschah doch unserem Herrn so wehe, als er ohne Erbarmen der Schergen, zurückgeworfen auf das Kreuz, wodurch der Schmerz seines gebenedeiten Hauptes nicht wenig erneuert wurde! Sprich 4 Vater unser.
  
61. Betrachtung:
Wegen der schmerzvollen Kreuzigung, als der ganz edle und zarte Leib unseres Heilandes von den grimmigen Dienern des Pilatus hin und her gezogen wurde, gezerrt, gespannt und geplagt, so dass kein Glied mehr am rechten Ort blieb und die stumpfen Nägel mit Gewalt durch seine Hände und Füsse mehrmals geschlagen wurden, sprich 3 Vater unser.
  
62. Betrachtung:
Die betrübte Mutter Gottes empfing aus den gehörten Hammerschlägen, welche Christus verwundeten, neuen und besonderen Schmerz, je länger je mehr. Sie hatte ein so treues und beständiges Mitleiden in allen Martern unseres Erlösers, welche sie über alles liebte. Sprich 5 Ave Maria.
  
63. Betrachtung:
Durch das aussergewöhnliche Leiden unseres Herrn, als er am heiligen Kreuz erhoben und das Holz des Kreuzes in einen dazu bereiteten Stein mit Wucht hineinstürzte. Durch diesen Sturz wurden seine früheren Wunden schmerzhaft aufgebrochen und erneuert. Sprich 5 Vater unser.
  
64. Betrachtung:
Merke und beherzige o Mensch, die hochheiligen und gnadenreichen fünf Wunden unseres lieben gekreuzigten Herren und Heilandes, die er auch nach seiner Auferstehung zu unserem Trost an seinem unsterblichen Leichnahm behalten hat und am jüngsten Tag der ganzen Welt öffentlich zeigen wird! Sprich 5 Vater unser.
  
65. Betrachtung:
Vergiss auch nicht die sieben goldenen und sehr heilsamen Worte Christi, an seinem heiligen Kreuz aus grosser Weisheit gesprochen! Dabei ist auch zu denken an die sieben hochwürdigen Blutvergiessungen, die aus dem kostbaren Leib Christi zu unserem ewigen Heil hinabrannen. Sprich 7 Vater unser.
  
66. Betrachtung:
Unsere Liebe Frau war in herzlicher Betrübnis und in Schmerzen, als sie unter dem Kreuz stand und ihrem geliebten Sohn nicht zu Hilfe kommen konnte. Sie stand jedoch fest und unbeweglich im vollkommenen christlichen Glauben, der sonst in der ganzen Welt, soviel es das Leiden Christi betrifft, erloschen war. Sprich 7 Ave Maria.
  
67. Betrachtung:
Weil unser Herr drei Stunden lang am Stamm des heiligen Kreuzes gehangen, daran für uns gebetet und geweint, ja dabei viele bittere Tränen vergossen und an unserer Stelle gebüsst hatte, sprich 3 Vater unser.
  
68. Betrachtung:
Wegen all dem Jammer, dem Elend, der Angst und der Not, welche der gütigste Herr am heiligen Kreuz gelitten hatte, besonders auch weil es ihm an Speise und Erquickung fehlte und er in seinem grössten Durst nur mit Essig und Galle getränkt wurde und er auch kein Glied an seinem Leib mehr frei bewegen konnte, sprich 3 Vater unser.
  
69. Betrachtung:
Welch grosses Seufzen und inwendiges Leiden, das die äussere Pein weit übertraf, empfand Christus von Anfang seiner heiligen Menschheit bis zum bittern Kreuz für und für in seiner Seele! Zum ersten wegen der lieben Altväter, welche in der Vorhölle ein herrliches Verlangen aus seine Ankunft hatten, zum zweiten um seiner lieben Mutter und dem erwählten Jünger willen, zum dritten für alle elenden Menschen, die aussen oder innen, heimlich oder öffentlich zu leiden haben. Sprich 3 Vater unser.
  
70. Betrachtung:
Die letzten Züge, die unser gekreuzigter Herr tat, waren so gewaltig, dass die Erde zersprang, die harten Steine sich spalteten, der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Stücke zerriss, die Vorhelle erschüttert wurde und die Gräber sich auftaten, aus den viele Leiber der Heiligen hervorgingen, die Sonne sich verbarg und aus dem hellen eine grosse Finsertnis wurde, ja, dass alle Planeten, Elemente und Kreaturen aus echtem Mitleiden gegenüber ihrem Schöpfer in so grosser Marter sich entsetzten. Da musste auch der ewige Vater im Himmel sich erbarmen und die armen büssenden Sünder in Gnaden aufnehmen, weil für diese die edle Seele seines eingeborenen Sohnes vom Leib schied und der bittere Tod dem zarten, unschuldigen Herrn das süsse Herz brach. Welches Herz könnte lauter zerreissen, so dass man es hören könnte! Diesem treuesten Herrn und Heiland zu Ehren, der für uns und das menschliche Geschlecht so elend gestorben und am Kreuz verschieden ist, auch wegen der grossen Angst und Not, welche die Mutter Gottes unter dem Kreuz nicht ohne viel Tränen hatte, spreche ich 5 Vater unser und 5 Ave Maria.
  
71. Betrachtung:
Als der Kriegsmann Longinus nach dem Hinscheiden Christi, unseres Herrn, mit dem Spiess in seine heilige Seite stach, floss daraus in wunderbarer Weise Wasser und Blut, nämlich als Wahrzeichen, dass die Liebe und die Treue Gottes forthin allen Menschen bereitet ist, wenn sie nur glauben und sein göttliches Gebot halten wollen. Sprich 3 Vater unser.
  
72. Betrachtung:
Nachdem Christus, der Heiland der ganzen Welt, das grosse Werk seines Leidens und unserer Erlösung am heiligen Kreuz vollbracht hatte, fuhr alsbald seine gebenedeite, edle Seele hinab in die Vorhölle und erlöste dort alle auserwählten Freunde, die den Willen Gottes auf Erden je taten. Sprich 3 Vater unser.
  
73. Betrachtung:
Josef von Arimathäa und Nikodemos nahmen den verstorbenen Leichnam Christi vom Kreuz ab und legten ihn seiner lieben Mutter auf den Schoss. Sprich 3 Vater unser.
  
74. Betrachtung:
Welch grossen Jammer und Herzeleid Unsere Liebe Frau davon empfand, als ihr liebster und einziger Sohn derart verwundet und blutig tot auf ihrem mütterlichen Schoss lag! Sprich 5 Ave Maria.
  
75. Betrachtung:
Wegen dem traurigen Begräbnis unseres Herrn, als sein würdiger Leib in ein fremdes Grab mit köstlicher Spezerei [Balsam] gelegt wurde, in dem er, gleich wie Jonas im Walfisch, drei Tage ruhte, sprich 3 Vater unser.
  
76. Betrachtung:
Am heiligen Ostertag stand unser Herr als sieghafter König der Glorie von den Toten herrlich auf und bewirkte durch eine solche Auferstehung, durch seine wunderbare Kraft und Macht, Freude und Trost bei den Seinen. Sprich 3 Vater unser.
  
77. Betrachtung:
Unsere Liebe Frau empfand eine grosse, herzliche Freude bei der tröstlichen Erscheinung ihres allerliebsten Sohnes, nachdem er nun alle Marter und den Tod überwunden hatte. Sprich 7 Ave Maria.
  
78. Betrachtung:
Nach der Auferstehung erschien der Herr Jesus der heiligen Maria Magdalena und danach seinen lieben Jüngern, als er durch verschlossene Türen bei ihnen eintrat und sprach: Der Friede sei mit euch! Sprich 2 Vater unser.
  
79. Betrachtung:
Wegen all der Gnadenwerke, die nach der Auferstehung unseres Herrn geschahen, in den 40 Tagen, ehe er schliesslich in den Himmel hinauf fuhr, sprich 3 Vater unser.
  
80. Betrachtung:
Die herrliche und wunderbare Himmelfahrt Christi geschah am Ölberg vor den Augen seiner lieben Mutter, der auserwählten Jünger und anderer Freunde. Als er nun in den Himmel hinaufstieg, segnete er sie alle samt dem ganzen Erdreich. Darum sollen wir ihn auch zu jeder Zeit um seinen Segen bitten, dessen wir an Leib, Leben, Nahrung und Seele so sehr bedürfen. Sprich 3 Vater unser.
  
81. Betrachtung:
Die lieben Jünger und die ersten Christen waren nach der Auffahrt unseres Herrn in Jerusalem in einem Haus versammelt und warteten zehn Tage lang mit Seufzen und Beten auf den heiligen Geist. Sie dachten über das christliche Wesen nach. Sprich 3 Vater unser.
  
82. Betrachtung:
An den hochheiligen Pfingsten sandte der treue Herr Jesus vom Himmel herab den verheissenen heiligen Geist, die dritte göttliche Person, auf die 12 Apostel und andere Jünger herab. Ja, auch heute noch teilt er den gleichen Tröster seiner christlichen Kirche, den reinen Herzen und den gehorsamen Christen mit. Darum sollen wir den Herrn bitten, er wolle unsere Gemüter mit den 7 Gaben des heiligen Geistes erleuchten, damit wir uns selbst erkennen, in der wahren Kirche verharren, uns von Sünden bekehren und den rechten Weg zum ewigen Heil finden mögen. Sprich 7 Vater unser und einen Glauben [Glaubensbekenntnis].
  
83. Betrachtung:
Unsere Liebe Frau vollendete hier ihr sterbliches Leben und fuhr auch mit Leib und Seele zum Himmel auf. Sprich 5 Ave Maria.
  
84. Betrachtung:
Das heilige Herren–Kreuz wurde durch die heilige Menschheit unseres Herrn dazu gemacht, damit es uns Seele und Leib, Land und Leute, ja die ganze Christenheit für und für segne und benedeie. Sprich 5 Vater unser.
  
85. Betrachtung:
Beim letzten Tag oder letzten Urteil wird Christus öffentlich als Richter aller Lebenden und Toten Gericht halten. Er wolle uns helfen, dass wir seinen Geboten recht nachkommen und seinen Segen mit allen Auserwählten auf der Seite der Gerechten erlangen. Sprich 3 Vater unser.
  
86. Betrachtung:
Vergiss auch nicht, o Mensch, das ganze himmlische Heer, sondern rufe alle guten Engel und Heiligen Gottes an, dass sie für die ganze Christenheit bitten und Gnade erwerbe, damit wir uns selbst recht erkennen und zu Gott bekehren, damit wir von ihm, dem höchsten, ewigen Gut nie mehr getrennt werden. Sprich 4 Vater unser.
  
87. Betrachtung:
Wegen all der Pein und Schmerzen, die nicht nur der Herr Christus, das oberste Haupt, sondern auch seine lieben Auserwählten, als des Haupts lebendige Glieder, um seinetwillen und für alle Gläubigen auf Erden und unter der Erde je gelitten haben, mit der Bitte, dass Gott uns armen Sündern ein seliges Ende geben wolle. Sprich 5 Vater unser.
  
88. Betrachtung:
Lasset uns die seligste Mutter Gottes anrufen, dass sie in allen unseren Nöten bei ihrem geliebten Sohn uns eine treue Fürsprecherin sei und besonders erreiche, dass wir durch leidige Todsünden die Huld und Gnade Gottes nie verlieren mögen. Sprich 7 Ave Maria.
  
89. Betrachtung:
Lasset uns alle in Gottes Schutz befohlen sein, die mit diesem gegenwärtigen Gebet umgehen oder davon Gebrauch machen werden, auch jene, die es mit Worten und Werken fördern helfen. Sprich 4 Vater unser.
  
90. Betrachtet Wir wollen auch den Hausvater und Patron dieses Landes anrufen, den obersten Apostel Sankt Peter, samt allen zwölf Boten und den anderen ehrwürdigen Heiligen und Patrone, zu deren Ehre alle Kirchen dieses Landes errichtet und geweiht worden sind, die auch sonst in allerlei Anliegen angerufen werden, damit durch ihre kräftige Fürbitte der ewige allmächtige Gott und Unwürdige, Land und Leute in seinem Frieden und in seiner Huld gnädig erhalte und bewahre. Sprich 6 Vater unser.
  
91. Betrachtung:
Lasset uns auch samt und sonders begehren, dass die Allmacht Gottes des Vaters und die Weisheit Gottes des Sohnes und die Güte Gottes des heiligen Geistes sich über die ganze Christenheit und zugleich über alle christgläubigen Seelen erbarmen wolle. Sprich 3 Vater unser.
  
92. Betrachtung:
Wir wollen auch für jene bitten, die stets die Wege und Stege ausbessern, mit ihren Unkosten und ihrer Arbeit, sowohl geistlich, als auch leiblich, die den gemeinen Nutzen treu fördern helfen. Sprich 1 Vater unser.
  
Abschluss der Gebetsverse Der ewige, gütige und allmächtige Gott verleihe uns allen seinen Segen und erhöre gnädig dieses Gebet, damit es aus dem ganzen Land und der katholischen Kirche zur Wohlfahrt gedeihe. Und er lasse uns am Ende die heiligsten Verdienste Christi, unseres Heilandes, geniessen, auf die besondere Fürbitte Unserer Lieben Frau und aller auserwählten Heiligen, auch des seligen Bruder Klaus, der solches Beten durch die Eingebung des heiligen Geistes zuerst gesprochen und geordnet hat. Ende der gottseligen und nie zuvor gedruckten Betrachtungen und Gebete.
  
Der gleiche gottliebende Bruder Klaus betrachtete und betete unter anderem auch in der Andacht zum heiligen Vater unser [ Vater-unser-Meditation ] :
  
(Aus den alten Schriften gezogen und hier ausgeführt.)
  
Vater unser.
Vater, und unser. O ja, Vater von allen, ein ewiger Vater der Barmherzigkeit, du bleibst immer ein lieber, treuer Vater all deiner Gläubigen und gehorsamen Kinder. Du gibst dich und machst dich selbst zu einem Diener der armen elenden Menschen auf diesem Erdboden. Ich bitte dich, o milder Herr und Gott, erfrische mir die Zeit meines Lebens, damit ich meine Sünden bessere und dein gehorsames Kind sei. Ich bitte auch für alle Christgläubigen, dass sie durch Erkenntnis und Besserung ihres sündigen Lebens, dass sie in einen gottesfürchtigen Wandel geraten. Herr Jesus Christus, des ewigen Vaters eingeborener Sohn, verleihe allen gläubigen Seelen als deine Glieder die wahre Ruhe und lass ihnen das ewige Licht scheinen.
  
Der du bist in den Himmeln.
O Herr, Vater, der du so mächtig da oben regierest und wirkest im himmlischen Vaterland und uns dennoch nicht vergissest, indem du hier auf Erden ordnest und regierest, auf dass wir nach deinem Willen und unserm Vermögen deine göttlichen Gebote gehorsam halten. Ich bitte dich, hoher und gütiger Gott, um deiner grundlosen Barmherzigkeit willen, wodurch wir als deine Kinder hier leben und wandeln können, dass wir von deinem Reich nie mehr getrennt werden.
  
Geheiligt werde dein Name. Herr und Gott, dein Name und der Name deines Sohnes werde immer und zu allen Seiten geheiligt, gleich wie dieser Name geehrt und geheiligt wird durch deine auserwählten Freunde, besonders jene, die ihr unschuldiges Blut um deinetwillen hier auf Erden vergossen haben. Ich bitte dich Herr, barmherziger Gott, dass dein heiliger, gebenedeiter Name in und durch uns geheiligt werde, dass wir auch Lob und Ehre deiner Majestät in unseren Herzen nie vergessen, sondern von innen und aussen, vor allen Dingen und zu jeder Zeit geführt werden.
  
Dein Reich komme.
O Herr Jesus Christus, ich bitte dich nicht um das Reich dieser Welt, das zeitlich und vergänglich ist, auch nicht um das Reich, das der böse Feind schändlich aufrichtet und zu unserem Verderben mit Sünden verwaltet. Ich bitte dich aber um das Reich, dass immer währt, worin kein Mangel und kein Gebrechen sein kann, wo die lieben Engel dich von Angesicht zu Angesicht selig sehen, hören und loben, damit ich auch dieses ewige Reich erlange und dich von Angesicht zu Angesicht ohne Ende schaue, höre und loben kann.
  
Dein Wille geschehe.
Grosser und gebietender Herr und Gott, dein göttlicher Wille, der allezeit heilig und heilsam ist, werde an mir vollkommen vollbracht, im Reichtum oder in der Armut, in Trübsal, in Wohlfahrt oder in den Widerwärtigkeiten, im Leben und im Sterben. Lieber Gott, so wie du willst, neige mich unter deine göttliche Rute [bzw. Hirtenstab], Heimsuchung und Strafe. Dein Wille, o Vater, und nicht mein Wille geschehe.
  
Gib uns heute unser tägliches Brot. Getreuer Herr Jesus Christus, ich bitte, dass du uns so gnädig, ohne all unsere Sorgen erhalten nd väterlich versorgen wollest, auch dich selber uns zur geistlichen Speise der Seele gebest, besonders wenn sich unser Leib und unsere Seele von einander scheiden werden, damit wir von dir gestärkt, nie mehr eines bösen Todes sterben, sondern mit dir ewig vereint bleiben.
  
Vergib uns heute unsere Schuld.
Herr Jesus Christus, ich habe all denen vergeben, die mir auf Erden je Leid und unrecht getan haben. Wollest du darum auch mir alle sündigen und sträflichen Gedanken, Worte und Werke vergeben, die ich gegen deinen göttlichen Willen und gegen meinen Nächsten je begangen habe.
  
Und führe uns nicht in Versuchung.
Herr Jesus Christus, weil wir krank und schwach sind, behüte uns vor allen schädlichen Angriffen, vor des Teufels Arglist, vor den bösen Begierde des Fleisches und vor der Falschheit und dem Betrug der üppigen Welt. Herr, verbirg uns unter dem Dach deiner Gnaden, damit wir nicht nach deinem grimmigen Zorn, besonders durch dein strenges Urteil gerichtet und bestraft werden.
  
Sondern erlöse uns von dem Übel.
Herr Jesus Christus, erlöse uns von aller wohlverdienten Pein, in dieser und in der zukünftigen Welt, besonders aber, wenn du beim letzten Urteil zu deinen lieben auserwählten Schäflein sprechen wirst: Kommt her ihr Gesegneten meines Vaters und besitzet das Reich, das euch bereitet ist seit dem Anfang der Welt. Denn kein Auge hat je gesehen, kein Ohr gehört, und es ist in kein menschliches Herz gestiegen, was Gott seinen Freunden bereitet hat. Herr und Gott, erlöse mich und alle Christen von dem Übel des Leibes und der Seele. Amen.
 
Was Bruder Klaus beim Englischen Gruss, oder, wie man sagt, Ave Maria, unter anderem betrachtet und innerlich gebetet hatte:
  
Gegrüsst seist du, o reine, unbefleckte heilige Mutter Maria, Mutter der Gnaden, Mutter Christi, des allmächtigen Gottes und Menschen. Ich bitte dich, unversehrte, edle Jungfrau und treue würdige Mutter Maria, mögest du für uns bei deinem lieben Sohn, unserem Herrn und Richter Jesus Christus, eine kräftige Fürsprecherin sein, damit er seine grundlose Barmherzigkeit uns armen Sündern in diesem Jammertal mitteile, uns auch für und für in seiner Liebe und Huld erhalte und uns aus diesem Elend nicht vorher scheiden lasse, bevor wir seinen wahren, zarten Fronleichnam mit rechter Beicht [Sündenbekenntnis, Bussakt] und mit lauterem [gereinigtem] Herzen empfangen haben. Ich bitte dich auch, hochgelobte Mutter Maria, voll der Gnaden, du wollest eine Fürsprecherin sein vor diesem deinem lieben Sohn, unserem Herrn, damit er seine milde Barmherzigkeit nicht allein zu den lebenden Sündern und Sünderinnen sondern auch zu allen gläubigen Seelen ausstrecke und sie aus der Pein des Fegefeuers [der Reinigung] befreie, damit sie gnädig in das ewige Reich gnädig aufgenommen werden.
  
Bruder Klausens Gebet für die christgläubigen Seelen, die in der Pein und im Fegefeuer sind.
  
O heilige Dreifaltigkeit und einiges göttliches Wesen, o Herr Jesus Christus, erbarme dich aller sündiger Menschen, damit sie sich bekehren, und all jener christgläubigen Seelen, die in der Pein sind, auf dass sie Ruhe und ewige Seligkeit erfahren. Das Licht des ewigen Heils erscheine ihnen, die schwere bittere Pein des Fegefeuers werde ihnen verringert, mache sie frei und los von allen Schulden und Strafen, die sie in diesem Jammertal mit ihren Sünden auch immer verschuldet haben und jetzt abbüssen müssen. Vater unser ...
  
Kurzes, tägliches und kräftiges Gebetlein von Bruder Klaus, welches er jeden Tag mehrmals gebrauchte, besonders wenn du Uhr schlägt [das Bruder-Klausen-Gebet, ähnlich wie bei Witwyler, Quelle 262]:
  
O Herr nimm von mir,
Was mich wendet von dir.
O Herr gib auch mir,’
Das mich kehrt zu die.
O Herr nimm mich mir,
Und gib mich ganz zu eigen dir.
 
Ein anderes Gebet:
  
Gott verleihe uns eine selige Stunde, zu leben und zu sterben, durch Jesus Christus unseren Herrn. Amen.
 
Vorrede auf die folgenden christlichen Sprüche und heilsame Lehren von Bruder Klaus.
  
Bei diesen ist zunächst zu merken, dass dieser Mann Gottes eine grosse und inbrünstige Andacht für und für hatte, besonders zum allerheiligsten und würdigsten Kreuz und Leiden Jesu Christi, unseres lieben Herrn und Seligmachers. Er konnte es nie unterlassen, diese allerwürdigsten und tröstlichen Geheimnisse Gottes zu betrachten, davon zu reden, dazu zu ermahnen, und vielleicht auch davon zu singen, damit er seine Mitchristen zu rechten Jüngern und Nachfolgern dieses gekreuzigten Herrn mache. Mit dem heiligen Paulus konnte er ohne Zweifel sagen: Ich habe mich unter euch nicht für einen ausgegeben, der etwas wüsste, ausser allein Jesus Christus als den Gekreuzigten. 1. Korinther 2. Und abermals: Es sei fern von mir, dass ich mich rühme, ausser allein im Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.
  
Es haben jedoch die Alten für gut angesehen, diese Sprüche und Lehren von Bruder Klaus in Reime zu setzen, nicht allein aus alter Gewohnheit des Landes, sondern damit sie von manchen um so leichter verstanden und besser behalten, ja auch gesungen werden. Es ist wohl war, dass die alten vorgedruckten Reimen [bei Witwyler, Quelle 262, Text siehe bei Rhaetus, Quelle 221] dunkel und bisweilen zu lang oder zu kurz gewesen sind und nicht gut übereinstimmen. Nun, damit sie dem gemeinen Mann um so angenehmer und verständlicher wurden, sind sie jetzt erneuert und verbessert worden. Und weil man je mehr der Meinung war und dem Verständnis des Autors mit seinen schlichten und einfältigen Worten nachgekommen werden soll, wurde alles in eine bessere Ordnung gebracht. Wollte der ewige, gütige Gott, dass wir nach der Lehre von Sankt Paulus voll des heiligen Geistes werden und miteinander redeten in Psalmen, Lob und geistlichen Gesängen. Ephes. 5.
  
[Es folgen nun die Reimsprüche, welche mit der Version von Witwyler im grossen übereinstimmt – siehe den Text bei Rhaetus, Quelle 221. – Die Reimsprüche wurden erstmals durch Sebastian Rhaetus 1521 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die Reime sind dort jedoch etwas ungünstig platziert, jeweils in der Mitte der Zeilen ...]
  
Bessere Erklärung zu einem genannten Spruch [Es handelt sich um den Wahlspruch, der bereits 1518 in Basel gedruckt wurde, siehe: Quelle 217 und den auch Witwyler wieder zitiert.]
  
O Mensch, so sagt er: Glaub in Gott kräftiglich [...] die ewigen Ding’, die man jetzt wiegt gar ring.
  
Siehe, lieber Leser, wie Bruder Klaus mit dem heiligen Apostel Paulus so feinsinnig übereinstimmt, wenn jener schreibt: Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, die Liebe ist aber die grösste von ihnen. I. Corinth. 13. Und abermals: Du, o Mensch Gottes, fliehe den Geiz, strebe nach der Gerechtigkeit, nach dem göttlichen Leben, nach dem Glauben, nach der Liebe, der Geduld und der Sanftmut, I. Timot. 6. Ist es darum falsch, dass etliche so heftig auf den Glauben drängen, die Liebe und die liebreichen [barmherzigen] Werke vergessen, obwohl St. Paulus mit hellen Worten bezeugt: Wenn ich den Glauben hätte, um Berge versetzen zu können, hätte jedoch die Liebe nicht, so wäre ich ein nichts. I. Corinth. 13. Auch Christus rühmt die Liebe so hoch und sagt über die Werke der Liebe: Tue es, und du wirste leben. Luc. 10. Es heisst kurzum: Diejenigen, die Gutes getan haben, werden zur Auferstehung des Lebens gelangen; jene aber, die Übles getan haben, die werden hervortreten zur Auferstehung des Gerichts. Joan. Am 5. Bruder Klaus will sie beieinander haben, so wie es recht und billig ist: Glaube, Hoffnung, Liebe, und dass wir durch diese Haupttugenden die wahre Gottseligkeit empfinden, wodurch wir uns selbst überwinden und in dessen Folge eine solche Belohnung erlangen, dass wir von Gott selbst im Himmel mit der Krone der Gerechtigkeit (wie Paulus spricht) gekrönt werden. 2. Tim. 4. Darum begehrt Christus nicht halbe sondern ganze und vollkommene Christen, die um Gottes Willen wissen und ihn tun. Es wird auch mit runden Worten bezeugt: Sei getreu bis in den Tod (verstehe in Gottes Gebot und Gehorsam), so will ich dir die Krone des Lebens geben. Matt. 7. Luc. 12. Apoc. 2
  
Merke zum zweiten, dass Bruder Klaus hohe Weisheit besass, darin, dass er von geistlichen, hochwürdigen, subtilen und grossen Dingen so deutlich in Gleichnissen redet, dass auch der gemeine Mann den Sinn ziemlich gut vernehmen kann. Denn auch Christus predigte dem Volk mit Gleichnissen, und ohne Gleichnisse redete er nicht zu seinen Zuhörern. Marci am 4. Ja, wie Paulus bezeugt: Was unsichtbar an Gott ist, seine Kraft und seine Gottheit, können bei den Werken, bei der Erschaffung der Welt gesehen und erkannt werden. Rom. 1.
  
[Weiter unten kommt er nochmals auf diesen Wahlspruch zurück ... 1. Wahr- und Merkzeichen ...]
  
Kurzer Bericht, Was von Bruder Klaus einmal zu halten sei. [...]
  
Es ist zunächst gewiss und nicht zu verleugnen, dieser geborene Eidgenosse ist durchaus und in allen Artikeln recht, gut katholisch und beständig gewesen und geblieben. Er stand nirgendwo anders als in der Einigkeit und im Gehorsam der gleichen katholischen Kirche und Religion, so wurde er selig. Obwohl aber die neue, jetzt schwebende, fünfzig- oder sechzigjährige Religion zu jener Zeit unerhört und unbekannt war, so hat er doch von ihr aus Gottes Geist geweissagt und, wie hernach folgen wird, seine Landsleute treu gewarnt, dass sie alle Neuerung in der Religion meiden und fliehen sollten. [...]
  
Zum zweiten: Dieser Bruder Klaus kann und soll zurecht deswegen gerühmt werden, dass er in dem wahren katholischen Glauben einen christlichen, unsträflichen Wandel allezeit geführt und seinen Ehestand recht und christlich gehalten hatte, sich in Kriegshandlungen tapfer gezeigt und seine Kinder in der Zucht und in der Gottesfurcht erzogen hatte. Weil er jedoch je länger je mehr erfuhr, wie ihn die Pflichten des Hauses und die weltlichen sorgen am Gottesdienst hinderte, auch von geistlichen Übungen abhielt, sein Herz jedoch in der Liebe Gottes entzündet war, trachtete er nach einem einsamen, abgeschiedenen Leben. Der gute Mann fand keine Ruhe von innen und von aussen, ja alles weltliche Wesen, Geld, Gut, Freunde, Lust, Pracht und Gesellschaft brachten ihm einen heftigen Verdruss, Abscheu und Bitterkeit. Gott allein wollte er unverhindert dienen und der eitlen, schnöden Welt von Herzen absterben und den besseren Teil erwählen. Er hat sich darum allen zeitlichen Dingen und Sorgen entzogen, so dass er mit Paulus wohl sagen könnte: Ich habe alles für Schaden gerechnet, und achte es für Kot, wenn ich nur Christus gewinne und in ihm gefunden werde. Christus ist mein Leben, mein Sterben und mein Gewinn. Philip. Am 3. Und 1. Cap.
  
Zum dritten: Noch grösser und wunderbarer ist es, dass dieser Mann von Gott getrieben keinen anderen Stand, als sich allein das strenge, harte, bussfertige, einsiedlerische Leben vorgenommen und während 30 Jahren [?], ja bis zum Ende seines Lebens, verharrte er unaufhörlich in dieser Berufung mit fröhlichem Geist. Denn er selbst hatte oft bezeugt, wie er nicht genügend Gott dem allmächtigen Lob und Dank sagen konnte, dass er Frau und Kinder, das Haus und alle zeitlichen Geschäfte aufgeben und loslassen konnte, um mit geistlichen Dingen umzugehen und so Tag und Nacht der Andacht und dem Gebet allein obliegen konnte. Gleich wie auch St. Johann der Täufer Christi aus Eingebung des heiligen Geistes in die Wüste gegangen war und die meiste Zeit seines Lebens mit Busswerken allein verbrachte und vollendete. Freilich könnte dieser Ritter Christi [so wurde Bruder Klaus erstmals von Albrecht von Bonstetten (Quelle 015) genannt] mit dem heiligen Paulus sagen: Es sei fern von mir, dass ich mich rühme, als allein im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt worden ist und ich der Welt. Ich lebe jetzt, nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Galat. Am 6. und 2. Cap.
  
Und es soll sich niemand darüber wundern, dass der Bruder Klaus seinen vorhergehenden Ehestand also verliess, ja sich auch von Haus und Hof, von Frau und Kindern trennte [Kanisius gebraucht wörtlich das Verb «scheiden» im Partizip Perfekt: «gescheiden»]. Denn Gott ist in seinen auserwählten Heiligen wunderbar, er wirkt ungleich in und mit seinen lebenden Werkzeugen, er beruft den einen zu diesem und den andern zu einem anderen Stand, nach seinem freien, göttlichen Willen. Wer kann aber Gottes Willen widerstehen und mit ihm streiten? Rom. 9. Was Bruder Klaus in diesem Fall getan hat, ist sehr wohl mit dem Vorwissen und mit der Erlaubnis seiner ehrbaren Ehefrau geschehen, eben nach dem Beispiel der lieben heiligen Apostel, welche gemäss dem Rat und der Verheissung Christi, des Herrn, nicht nur ihre zeitlichen Güter sondern auch ihre Ehefrauen verliessen, nachdem sie mit dem heiligen Geist erfüllt waren und in allen Ländern das Evangelium zu predigen begannen. Denn Christus hat ihnen zuvor mit runden Worten gesagt: Jeder, der Häuser, Brüder, Schwester, Vater, Mutter, Frau, Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlässt, der wird es hundertfältig wieder gewinnen und das ewige Leben erben. Matth. 19.
  
Darum hat Bruder Klaus in diesem Fall nichts gegen Gott oder gegen die Kirchenordnung vorgenommen und vollbracht. Damit nun aber desto weniger daran gezweifelt werde, dass dieser Einsiedler recht getan und sei in seinem christlichen Vorhaben als Einsiedler mehr zu loben als zu strafen, achte man darauf, dass es Gott der allmächtige so wunderbar angeordnet hat, dass der Baum an den Früchten und der Meister am Werk von jedem Vernünftigen erkannt und beurteilt werden kann. Zudem haben wir drei unwidersprüchliche Wahr- und Merkzeichen, welche uns frommen Christen versichern können, dass Wesen und Stand dieses Bruder Klaus als Einsiedler recht begründet und Gott wohlgefällig ist, die Verlumder und Kritiker können da sagen, was sie wollen. Denn es ist Art und Brauch der verkehrten Welt, dass sie auch gegen den heiligen Johannes und andere Eremiten, ja auch gegen Christus den Herrn selbst, viele seltsame, falsche, erdichtete und lügenhafte Urteile gefällt und leicht verkauft haben. Matth. 11. [1.]
  
Das erste Wahrzeichen ist die grosse wunderbare und beständige Geduld, die dieser Kämpfer Christi in seinen vielfältigen Versuchungen, anliegen und Nachstellungen für und für gelitten und starmütig überstanden hat. Denn wie aus all seinen Erzählungen hell und klar zu finden ist und die frommen Einsiedler allgemein in ihrer Berufung erfahren, hat der boshafte Feind und Tausendkünstler, der leidige Satan, durch sich und andere an ihm sich nicht erfreut, ja er hat ihn sichtbar und unsichtbar grausam angegriffen, oft getäuscht, erschrocken und geplagt, so wie auch den heiligen Apostel St. Paulus, St. Antonius [den ägyptischen Einsiedler] und andere mehr, die nicht allein mit Fleisch und Blut sondern auch gegen die Beherrscher der Finsternis dieser Welt und die listigen Geister der Luft ritterlich gestritten haben. Es ist nicht auszusprechen, welche grosse Angst und welch bitteren Schmerz er an seinem schwachen Leib und Gebein, Geäder und Mark in solchem Kampfe gelitten hat, ganz zu schweigen davon, wie der gute Vater auch von Bekannten und Unbekannten, von Freunden und Neidern, von einheimischen und ausländischen Personen und falschen Brüdern angetastet [beschimpft] wurde, die sich an ihn hefteten und ihm viele Jahre lang zu schaffen machten, so dass er dadurch allerlei Kreuze und manche Anfechtungen annehmen musste. Er konnte sich aber selber trösten und mit der göttlichen Gnade obsiegen, weil ihm der edle Spruch Christi nicht verborgen blieb: In euerer Geduld werdet ihr eure Seele besitzen. Luc. 21. Und St. Jakob schreibt: Selig ist der Mann, der die Versuchung erleidet, denn nach seiner Bewährung wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott denen verheissen hat, die ihn lieben. Jacob 1. Solche Geduld ist die Förderin der Hoffnung, sie bringt wahre Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die Hoffnung aber lässt niemanden zuschanden werden, so wie es der Apostel Paulus anzeigt. Rom. 5. Ja sie [die Geduld] ist ein sicheres Zeichen der auserwählten Freunde Gottes, welche durch viel Trübsal hindurch gehen müssen bis hin zum ewigen Reich. Actor. [Apg] 14. [2.]
  
Das zweite Wahrzeichen steht innerhalb der grossen, herrlichen und weitberühmten Wunderzeichen, die der allmächtige Gott durch diesen seinen treuen Freund vor und nach dem Tod an vielen Orten gewirkt und gezeigt hat und die manche gesunde und kranke Personen mit Sicherheit erfahren haben. Diese wurden nicht nur mündlich sondern auch schriftlich dargelegt und angezeigt. Unter anderen ist es ja ein grosses, ansehnliches und unwidersprüchliches Wunderzeichen, dass dieser Bruder Klaus fast zwanzig Jahre lang ohne alle natürliche Speise und Trank gelebt hat, ja ohne menschliche Labung und Erquickung, und in dieser Zeit sein Einsiedlerwesen frei vollzogen hat, so dass ihn Gott in übernatürlicher Weise nicht mit leiblicher sondern mit geistlicher speise an Leib und Leben frisch und gesund erhielt. Es ist nicht weniger darauf zu achten, als wenn Moses und Elias, die heiligen Propheten, allein 40 Tage und Nächte aus grosser Kraft Gottes gefastet haben. Und es lässt sich zeigen, dass Bruder Klaus in seiner Abstinenz und langjähriger Enthaltung aller Speisen nicht schlecht verglichen werden kann mit der grossen Verehrerin Christi St. Maria Magdalena, von der gesagt und zu lesen ist, dass sie 30 Jahre lang ohne alle Speise auf Erden lebte und dennoch Gott in der Wüste mit aller Andacht diente. Wer wollte also nicht frei bekennen, dass Gottes Finger [biblische Metapher für den heiligen Geist]; und Kraft in diesem Einsiedler gewirkt und seinem aufrichtigen Wandel klare und sichere Zeugnisse vor der ganzen Welt gegeben hat, so dass niemand mit Recht an seinem Tun und Lassen zweifeln kann? [3.]
  
Das dritte Wahrzeichen verdient bei den Verständigen nicht weniger Beachtung. Es ist der edle und hohe Geist, mit dem dieser tugendreiche Mann wunderbar von Gott erleuchtet und geziert wurde, dermassen, dass grosse, wichtige und verborgene Geheimnisse ihm oft offenbart wurden und er, obwohl ein Einfältiger und Ungelehrter, auch von der allerheiligsten Dreifaltigkeit viele herrliche Dinge verstanden hat und anderen hat zeigen können. Durch diesen prophetischen Geist hat er nicht wenigen Personen heimliche und verborgene Dinge eröffnet, sie vor künftigen Gefahren gewarnt, andere treu ermahnt und zu ihrem ewigen Heil unterwiesen, ob sie nun hohen oder niederen Standes waren, reich oder arm, einheimisch oder fremd. So hat bei diesem namhaften und weit berühmten Einsiedler ein grosses Haufen des Volkes seine Zuflucht gehabt und bei ihm zu jeder Zeit guten und christlichen Rat mit grosser Frucht und Tröstung begehrt und gefunden.
  
[Im Schlusswort bringt Petrus Kanisius nichts Neues im Verlgeich zu den weitläufigen Vor- und Schlussworten von Hans Salat (Quelle 233 und auch Quelle 232) und Ulrich Witwyler (Quelle 262): mahnende und warnende Worte in Bezug auf die Reformation und Zusammenfassungen biographischen Inhaltes.]
    
  
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Bruder Klaus · Niklaus von Flüe · Flüeli-Ranft · Schweiz
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